Die Bodensee-Woche der Segler
von
Dr. J. Schuhmacher

vg

Die Bodensee-Woche der Segler entstand als internationale Wassersportveranstaltung aller drei Anrainerstaaten - zuerst für Motorbootfahrer, Segler und Ruderer zusammen - bereits vor dem Ersten Weltkrieg, bildete über Jahrzehnte immer die zentrale Regattaserie im August am Bodensee und übertraf Anfang der 1950er Jahren sogar die Kieler Woche.

Inhalt

  1. Die Anfänge vor dem Ersten Weltkrieg 1907-1913
  2. Zwischenkriegszeit 1920-1939
  3. Nachkriegszeit 1946-1970
  4. Wiederbelebung 2009
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1. Die Anfänge vor dem Ersten Weltkrieg

Obwohl man erste Anfänge des privaten Sportsegelns am Bodensee bereits auf 1770 datieren kann, der Aufschwung an allen Ufern seit Mitte des 19. Jahrhunderts sichtbar war und 1889 in Lindau zur Gründung des ersten Segler-Clubs führte, lag das Wettfahrtsegeln hier hinter den sonstigen Segelrevieren in allen drei Anrainerstaaten zurück. Zwar kam es ab 1905 zu vereinzelten Wettfahrten, aber überwiegend handelte es sich um Vergnügungssegeln. Man segelte in genau vorher berechneten Formationen oder Blumenkorsos entlang der Uferpromenade oder stellte Boote an Land zur Besichtigung für die Touristen aus.

Der 1907 erstmals von verschiedenen Bodenseeorten aller Anrainerstaaten und dem Bodensee-Verkehrsverein zur Tourismusförderung im August gestiftete 'Bodensee-Pokal' wurde als Keimzelle für eine Wettfahrt vergeben, um die sich weitere Regatten gruppierten und schließlich zur 'Bodensee-Woche' vereinigten. Die Datierung der ersten 'Bodensee-Segel-Woche' ist schwierig, da es damals eine Namensvermischung mit der "Bodensee=Woche" der Motorbootfahrer gab, welche ab 1908 um den Lanz-Preis am Bodensee ausgetragen wurde und allmählich in die 'Bodensee-Woche' der Segler überging. Erst 1911 wurde sie "Bodensee=Segler=Woche" resp. "Bodensee-Segelwoche" genannt.

Das hohe Ziel der Bodensee-Woche war von Anfang an, alle Segler zu dieser einen großen Veranstaltung einmal im Jahr zu vereinen.

Am Dreiländersee Bodensee wollte und konnte man Wettfahrten mit einer nennenswerten Beteiligung an Seglern und Yachten nur international durchführen. Aber damals war die Rechtslage im Segelsport sehr kompliziert: das Wort 'international' hing seit der Gründung der IYRU - der International Yacht-Racing Union als Weltdachverband des Segelsports 1905 - an internationalen Meterklassen, welche, für das Meersegeln konzipiert waren und folglich groß, teuer und schwer ausfielen sowie für das Binnenland ungeeignet und die meisten der dort lebenden Segler aufgrund der häufigen Änderungen an der Meter-Formel zu kostspielig waren. Alle anderen Klassen und damit auch alle alten Boote wurden damals in nationale Klassen umgruppiert. Mit diesen nationalen Segelbooten durfte man seit 1905 jedoch nur noch nationale Wettfahrten ausrichten.
Am Bodensee waren die Segler zwar wohlhabend, aber keineswegs finanziell in der Lage, dies so nachzuvollziehen. Etwa 3/4 des gesamten Bootsbestandes von sowieso nur ca. 50 Booten in den damals am See segelnden Clubs bestanden aus alten oder neuen 'Nationalen' Klassen. Auch die Deutsch-Schweizer (Züricher Yacht-Club) und die Österreicher in Bregenz besaßen überwiegend Boote aus diesen deutschen 'Nationalen Klassen', weil sie sich für Binnenreviere eigneten und man sich in diesen Staaten sowieso weitgehend an Deutschland orientierte. Der DSV verbot den Ausländern jedoch per kompliziertem Satzungsbeschluss die Teilnahme an nationalen Wettfahrten. Gleichzeitig durften die deutschen Vereine internationale Wettfahrten nur mit 'Internationalen Klassen' ausschreiben, worunter weder die alten noch die neuen populären 'Nationalen Segelbootklassen' fielen.
D.h. rechtlich gesehen waren interessante Wettfahren mit ausreichender Beteiligung am Bodensee nicht durchführbar. Erfinderisch, wie die Segler am Bodensee nun einmal waren, haben sie diese Regelung ab 1908 mit Tricks wie einer Eintages-Gast-Mitgliedschaft der Ausländer im ausrichtenden Club ausgehebelt. Der Vorsitzende des DSV (Deutschen Segler Verbandes) - Burmester - war jedoch ein korrekter und standhafter Mann, der solch einen Verstoß gegen internationale und nationale Regeln nicht duldete. So war eine Ausschreibung von Bodensee-Regatten in der DSV-Zeitschrift die Yacht nicht mehr erlaubt. Die Bodenseewoche litt somit in den Anfangsjahren unter einer mangelnden Werbemöglichkeit.

1909 bis 1913 fand die 'Bodensee-Woche' (Motor und Segeln), die sich langsam auf 12 Tage ausdehnte, meist Anfang August immer an wechselnden und zur Lastverteilung mehreren Bodenseeorten gleichzeitig statt. Angesichts einer zwar wachsenden aber eher geringen Beteiligung von 9 bis 55 Segelbooten errang sie - trotz großer Euphorie - im damals fortschrittlicheren Segelsport aller drei Anrainerstaaten nur Achtungserfolge. - Die angesagten Segelsportzentren lagen vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland in Berlin, Kiel und Hamburg, in der Schweiz am Genfer See und in Österreich in Wien. Dennoch war der finanzielle und zeitliche Aufwand aller Beteiligten - vor allem der damals zahlreich angereisten Regattateilnehmer - für die Teilnahme hoch und darf angesichts der um 1910 noch eingeschränkten Logistik für den Transport der schweren Yachten mit der Eisenbahn nicht unterschätzt werden. Die damals oft sehr wertvollen Preise gingen auch fast immer an auswärtige Yachten, deren Segler ihren Mitbewerbern vom Bodensee in Punkto Sportlichkeit deutlich überlegen waren.

Sowohl wegen der erwarteten stärkeren Winde als auch der zeitlichen Konkurrenz zur Berliner Segelwoche verlegte man die Bodensee-Woche 1914 ausnahmsweise in den September, wodurch sie durch den Kriegsbeginn des Ersten Weltkrieges entfiel.

2. Zwischenkriegszeit: Die Bodenseewoche zwischen den Weltkriegen

Aufgrund der teilweisen Bodenseesperrung im Ersten Weltkrieg wurde erst 1920 wieder eine Bodensee-Woche veranstaltet. Sie blieb die zentrale, gewöhnlich im August, entweder im West- oder Ostteil des Sees abgehaltene Veranstaltung in der Zwischenkriegszeit. Da sich die damaligen Segler für diese Regattaserie von ca. 7 Tagen Dauer sogar extra Urlaub nahmen, belegt ihren alles überragenden Stellenwert.

Waren die sportlichen Ansprüche vor dem Ersten Weltkrieg gering, nahmen sie in der Zwischenkriegszeit deutlich zu, da vermehrt Ingenieure in den Segelsport drängten, Aerodynamik und Hydrodynamik optimierten und alles ständig austesten und verbesserten, wobei man nun mit höherem Risiko bis hin zu ersten Todesopfern segelte. Neben sportlichen Jollen begannen erste genormte kleinere Klassenkielboote die Wettfahrten zu dominieren.

Weniger die NS-Diktatur als die Weltwirtschaftskrise und aufgebaute Pass-, Visa- und Zollbarrieren sowie Devisenvorschriften beeinträchtigten die Bodenseewoche nachhaltig, welche in der Zwischenkriegszeit starken Schwankungen unterlag, 1930 bis 33 sogar in der Austragung finanziell gefährdet war und - trotz Rundfunkübertragung der Schlusswettfahrt 1938 - insgesamt bis 1939 weitgehend stagnierte.

Ein damals noch nicht schriftlich so festgehaltener aber bereits für die Stagnation wichtiger Grund war vermutlich das Problem der aufgrund der Tourismusförderung festgelegten Terminierung auf Anfang August: einer Zeit mit überwiegend schwachen Winden. Dies missfiel zahlreichen nun sportlicher ausgerichteten Seglern.

3. Nachkriegszeit - Höhepunkt und Niedergang

Trotz Krieg, Besatzung und Zollproblemen waren die meisten Städte sowie der Wassersport am Bodensee in einem deutlich besseren Zustand als in den früheren Segelsportzentren Wien, Berlin, Hamburg und Kiel. Deshalb bildeten die 1950er Jahre die Goldene Zeit der Bodensee-Woche. Zwischen 1946 und 1948 nur von den schweizerischen Segelclubs am Bodensee ausgerichtet, wurde die Bodenseewoche bereits 1949 wieder international - sogar unter Beteiligung des Yachtclubs der französischen Besatzungstruppen - und übertraf mit 106 Booten an den nun üblichen sieben Tagen mit sechs Wettfahrten alles Bisherige. Bereits 1952 übertraf die Zahl der gemeldeten Segelboote die Beteiligung an der Kieler Woche. Jedoch trat bald darauf eine Stagnation auf hohem Niveau von bis zu 200 Schiffen ein.

Vor allem die zunehmende Größe führte allerdings dazu, dass man zur Bereitstellung der Liegeplätze sowie der Regatta-Leitungen für so viele unterschiedliche Bootsklassen die Teilnehmer aufteilte. Bereits 1955 musste man somit die Jollensegler von den Yachtseglern trennen und in zwei Häfen an zwei unterschiedlichen Orten unterbringen. - Damit hatte man jedoch den eigentlichen Grundgedanken der Bodensee-Woche aufgegeben: Die Zusammenführung aller Segler in einer großen Veranstaltung am Bodensee. Nach diesem Präzedenzfall kam es in der Folge immer häufiger zur geografischen Trennung der Segler bei der Bodenseewoche. - Nach Reformen 1963 wurde die verkürzte Veranstaltung noch bis 1966 erfolgreich ausgerichtet. Nach dem ersten Aussetzer 1967 wurde die Bodenseewoche nur noch 1968 und 1970 durchgeführt.

Die vielfältigen Gründe für den Niedergang reichten von finanziellen, logistischen, organisatorischen und segeltechnische Problemen bis hin zu sozialen Veränderungen der Segler selbst. Ferner beeinflussten und verstärkten sie sich oft gegenseitig. U.a. finden sich:

Diese mehrtägige zentrale Großveranstaltung Bodensee-Woche des Bodensee-Segelsports, welche ursprünglich offen für alle Segler und der jährliche Treffpunkt aller sein sollte, wurde abgelöst durch ein- bis zweitägige Groß-Veranstaltungen wie der Rund-um, welche von Lindau mehr oder weniger rund um den Ober- und teilweise Überlinger-See geht, der Ost-West, welche von Bregenz nach Konstanz verläuft, und der West-Ost-Wettfahrt, welche von Konstanz nach Bregenz in Gegenrichtung verläuft. Hinzu kamen über 100 von den in wachsender Zahl in den 1960er und 1970er Jahren entstandenen Yacht-Clubs veranstalteten Einzelregatten, welche zwischen einer Wettfahrt und ganzen Wettfahrtserien über mehrere Tage andauerten. D.h. es kam zu einer unglaublichen Zersplitterung des Wettsegelns. Da viele Veranstaltungen gleichzeitig am Bodensee abgehalten wurden, war es selbst engagierten Seglern nicht mehr möglich an allen Wettfahrten teil zu nehmen. Die persönlichen Kontakte engten sich folglich ein.

Ferner kam, es zu einer Aufteilung der engagierten Regattasegler in genormte und vermessene Bootsklassen, wie Drachen, Lacustre, Star, Schärenkreuzer, Trias, X-Yachten etc., bei denen der erste im Ziel auch gesiegt hatte. Alle anderen Boote wurden über die Yardstick-Zahl, ein besonders, am Bodensee eingesetztes und weiterentwickeltes Verrechnungsverfahren, zu sogenannten Yardstick-Regatten zusammengefasst, bei welcher je nach Verrechnungszahl auch der letzte Zieldurchläufer theoretisch der Gesamtsieger sein konnte. Zuerst wurden die Yardstick-Wettfahrten von den Seglern der Klassenboote zwar belächelt, aber mit der Zeit wurde die Mehrzahl der Wettfahrten damit gesegelt.

Und letztendlich führten einige der oben aufgelisteten Nachteile der Bodenseewoche zu den Match-Races, bei welchen nur wenige bis zwei absolut baugleiche Boote meist in Ufernähe kurze Segelparcours vor Zuschauern absegelten - einfach zu verstehende Action für die ungebildete Masse der Zuschauer. Dafür fanden sich dann auch wieder finanzkräftige Sponsoren.

Wiederbelebung

Allerdings war der Bodensee bereits seit Jahrzehnten auch als Schutzraum für Oldtimer bekannt, auf dem sich die Holzboote dank des Süßwassers und der Pflege auch lange erhielten, sodass man sich nach der Jahrtausendwende auch wieder der alten Schiffe und Traditionen erinnerte. 2009 riefen schließlich mehrere Segelclubs in der Konstanzer Bucht die Bodenseewoche in verkleinertem Rahmen wieder ins Leben und veranstalten diese internationale Traditionsveranstaltung seitdem jährlich im Juni.

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