100 Jahre Bodensee-Segler-Verband, Geschichte des internationalen Segelverbandes am Bodensee
von
Dr. J. Schuhmacher

vg

Festrede zum 100-jährigen Jubiläum des BSVb, gehalten auf der feierlichen Vollversammlung am 29. März 2011 im Festspielhaus in Bregenz.

Inhalt

  1. Einleitung
  1. Die Hintergründe
  1. Die Ausgangssituation vor dem Ersten Weltkrieg
  2. Komplizierte Rechtslage
  3. Ein sehr personenbezogenes Weltbild - die Gesellschaftlichkeit
  1. Zwischenkriegszeit
  2. Nachkriegszeit
  1. Wiederaufbau
  2. Wasserwelle erfordert Flexibilität
  3. Der See ist nicht genug - GfS
  4. Yardstick
  5. Umweltschutz
  1. Schluss
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1. Einleitung

Sehr verehrte Damen und Herren,

Gemäß den Aussagen berühmter Menschen wird nirgends mehr gelogen als auf Beerdigungen und Jubiläen. Deshalb ist dies auch das erste Mal, dass ich mich bereit erklärt habe, eine Festrede zu halten. Denn über den Bodensee Segler Verband muss man nichts beschönigen oder herbeireden. Er hat eine faszinierende Geschichte, die auch die Geschichte dreier Nationen und einer keineswegs immer begünstigten Region widerspiegelt.

Da man mir trotz meines ketzerischen Mundwerks erlaubt hat, frei zu erzählen, möchte ich Sie gerne auf eine kurze aber nichtsdestotrotz spannende Zeitreise durch hundert Jahre internationalen Segelsport entführen.

Zuerst stellt sich mir als Historiker die für die meisten heutigen Menschen merkwürdige Frage, warum eine Organisation ohne Geld und relevante politische Machtmittel, ohne ökonomische Eigeninteressen und Dividendenzahlungen an die Mitglieder überhaupt so alt werden konnte. Mein Urgroßvater sagte in solchen Fällen: So alt wird keine Kuh - Wie konnte der Verband mehrere Inflationen, 2 Währungsreformen, 2 Weltkriege, Nationalismus, Planwirtschaft und soziale Marktwirtschaft sowie den Umweltschutz, nationale Kaderförderung und modernen Hedonismus überstehen? Welche Ideen, Personen und Handlungen waren es, die eine private Organisation in Kaisereichen, Demokratien und Diktaturen den Menschen (und hiermit meine ich nicht nur Seglern) als so wichtig und sinnvoll erschienen, dass man einen internationalen Verband trotz aller organisatorischen Schwierigkeiten gründete, für sinnvoll hält und bis heute betreibt?

Honorige alte Clubs gaben sich ein Motto von geradezu philosophisch epischem Nährwert. Der Bodensee-Segler-Verband hat dies aus Bescheidenheit meines Wissens nicht getan. Deshalb erlauben Sie mir als unbefangenem Betrachter unsere Zeitreise so zu überschreiben:

Der Bodensee-Segler-Verband - ein Brückenbauer

Wer eine Brücke bauen will, muss sich in jeder Hinsicht auf den anderen zu bewegen. Er muss flexibel sein und sich den jeweiligen Gegebenheiten sowie permanenten Veränderungen anpassen. Das scheinen die Erfolgsrezepte des Verbandes über die Jahrzehnte zu sein.

Bereits die Gründung zeigt diese Grundeinstellung des Aufeinander-Zugehens.

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2. Die Hintergründe

2.1. Die Ausgangssituation vor dem Ersten Weltkrieg

Die lange Segelsaison auf dem Bodensee stand bis etwa 1912 im Widerspruch zur geringen sportlichen Nutzung insbesondere durch Regatten.

Die zahlreichen Clubgründungen zwischen 1909 und 1911, insbesondere die Gründung des sehr wohlhabenden königlich Württembergischen Yachtclubs in Friedrichshafen mit eigenem großen Yachthafen, brachten jedoch neue Organisationen und Strukturen hervor, welche plötzlich weitaus mehr ermöglichten. - Wie so häufig schrieb man in den Köpfen das Wachstum der letzten paar Jahre fort und geriet in manchen Seglerkreisen am See 1911 in eine geradezu euphorische Stimmung, welche vieles erklärt. Auch die Gründung des BSVb. Eine rasant fortschreitende Industrialisierung, Technisierung, teilweise hektisches Wirtschaftswachstum und der sich dynamisch entwickelnde Tourismus taten das ihrige.

Auch sonst wurden kurz vor dem 1. Weltkrieg neue Strukturen gelegt. Der See wurde neu vermessen, neue Karten kamen in Gebrauch, 1910 trat die neue Bodenseeschifffahrtsordnung in Kraft, in der auch die Sportsegelboote erstmals im Detail mit Rechten und Pflichten aufgeführt wurden. 1912 verlegt Mallaun sein erstes Bodenseehandbuch. Ein Verband passte in diese Entwicklung.

Die Segelzentren lagen vor dem 1. Weltkrieg jedoch in Hamburg, Berlin, Wien und Genf und bezüglich des Medieninteresses in Kiel beim Kaiserlichen Yachtclub. - Der Bodensee lag nicht nur geografisch, sondern auch sportlich im Abseits. Die wenigen Segel-Wettfahrten am Bodensee wurden überregional kaum beachtet. Die hiesigen Segler fühlten sich nicht ernst genommen, belächelt und zurückgesetzt.

2.2. Komplizierte Rechtslage

Meine Damen und Herren, bitte vergessen Sie für einen Moment einmal alles, was Sie über den heutigen Segelsport wissen und tauchen Sie ein in die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, als man all die Grundlagen dazu erst aufbaute.

1905 trafen sich in London die reichsten Segler der Welt aus den wohlhabendsten Yachtclubs und bildeten die IYRU mit einer auf das Meersegeln ausgerichteten Strategie und neuen Yachten, den Meterklassen. Nur mit diesen durfte man zukünftig internationale Regatten austragen. Alle anderen und damit alten Boote wurden in nationale Klassen umgruppiert. Mit diesen nationalen Segelbooten durfte man nur noch nationale Wettfahrten ausrichten.

Die reichen Clubs in Berlin, Hamburg und Kiel rüsteten binnen weniger Jahre fast vollständig auf die neuen Klassen um. Am Bodensee waren die Segler zwar wohlhabend, aber keineswegs finanziell in der Lage, dies so nachzuvollziehen. Etwa 3/4 des gesamten Bootsbestandes von sowieso nur ca. 50 Booten in den damals am See segelnden Clubs bestanden aus alten oder neuen Nationalen Klassen. Auch die Deutsch-Schweizer (Züricher Yacht-Club) und die Österreicher in Bregenz besaßen überwiegend Boote aus diesen Deutschen "Nationalen Klassen", weil sie sich für Binnenreviere eigneten und man sich in diesen Staaten sowieso weitgehend an Deutschland orientierte.

Der DSV verbot den Ausländern jedoch per kompliziertem Satzungsbeschluss die Teilnahme an nationalen Wettfahrten. Gleichzeitig durften die deutschen Vereine internationale Wettfahrten nur mit 'Internationalen Klassen' ausschreiben, worunter weder die alten noch die neuen populären 'Nationalen Segelbootklassen' fielen.

D.h. rechtlich gesehen waren interessante Wettfahren mit ausreichender Beteiligung am Bodensee nicht durchführbar.

Erfinderisch, wie die Seehasen nun einmal waren, haben sie diese Regelung ab 1908 mit Tricks wie einer Eintages-Gast-Mitgliedschaft der Ausländer im ausrichtenden Club ausgehebelt. Der Vorsitzende des DSV - Burmester war jedoch ein korrekter und standhafter Mann - aus Sicht der Bodensee-Segler stur -, der solch einen Verstoß gegen internationale und nationale Regeln nicht duldete. So war eine Ausschreibung von Regatten in der DSV-Zeitschrift die Yacht nicht mehr möglich.

Deshalb suchten die Bodenseesegler verzweifelt nach einer Lösung zusammen mit anderen betroffenen im geplanten Süddeutschen Wettsegelverband. Als dieser Anfang 1911 scheiterte, ergriffen die Bregenzer die Initiative, die sofort von allen anderen aufgegriffen wurde. Man wollte kurzerhand einen eigenen Internationalen Wettsegelverband gründen, um eigene internationale Wettfahrten nach eigenen Bedingungen ausschreiben zu können.

Das Begehren zeigte einerseits das Selbstbewusstsein am See - der BSVb als Gegenstück zur IYRU - und andererseits die Notlage, die eben nur hier am Bodensee auftrat und vom DSV nicht verstanden wurde. Und in der Tat gründete man den BSVb wenige Wochen nach diesem ersten Rundschreiben.

Die internationale Einstellung des BSVb war innerhalb des deutschen Kaiserreiches etwas Besonderes. Für den Bodensee war es eher natürlich und konsequent. Angesichts weitgehend gleicher Probleme, Wünsche und gegenseitiger Abhängigkeit der Bodensee-Anrainerstaaten war es bereits auf zahlreichen Gebieten zu gemeinsamen Verbänden und Zusammenschlüssen gekommen.

Glücklicherweise kam es durch die Krankheit und Tod des alten DSV Vorsitzenden 1911 zu einem Wandel in der Verbandspolitik mit einer langsamen aber unverkennbaren Hinwendung zum Binnensegeln. Und so gelang es dem BSVb, mit Sonderstatus und vielen Kompromissen in den DSV aufgenommen zu werden: Die Reintegration. - Dem BSVb wurde im Gegenzug die Ausschreibung internationaler Wettfahren mit nationalen und alten Booten erlaubt.

An diesem Beispiel zeigt sich, dass Probleme am Bodensee früher und in verschärfter Form auftraten als in andere Revieren. Ferner, dass der BSVb in seinem Anliegen, allen Seglern zu helfen, bereit war, lokale Sonderregelungen zu treffen, und auch gegen Widerstand durchzuführen. Aber es wird auch sichtbar, dass man mittels Gesprächen und Verhandlungen dennoch mit langem Atem und viel Geduld an einer soliden internationalen und tragfähigen Lösung arbeitete, weil man den Konsens und die Integration in die Gesamtgemeinschaft des Internationalen Segelsports als Ziel begriff.

Damit die bisher guten Beziehungen des BSVb zu den nationalen Dachverbänden erhalten bleiben, bitte ich die ehrwürdigen Vertreter der jeweiligen nationalen Verbände nun einmal kurz wegzuhören, damit ich die geheimen Interna des Bodensees erzählen kann. -Nachdem wir Bodenseesegler nun unter uns sind, darf ich die ketzerische Frage stellen: Ein internationaler Segelverband wird Mitglied in einem untergeordneten nationalen Segelverband ? Sollte es nicht eher umgekehrt sein?

2.3. Ein sehr personenbezogenes Weltbild - die Gesellschaftlichkeit

Damit man diese Brücke über den See bauen konnte, waren alle Seiten zu weitgehenden Kompromissen bereit. Diese Kompromissfähigkeit für die Sache Segelsport war eine der weiteren Grundeigenschaften des Verbandes bis heute. Allerdings fiel sie damals auch etwas leichter.

Der BSVb wollte bei seiner Gründung 1912 etwas für die Segler am Bodensee zum Positiven verändern. Der Name lautete deshalb auch Segler- und nicht Segel-Verband.

Alle Segler sahen sich vor dem Ersten Weltkrieg als etwas Besonderes - und als Segler außerhalb der nationalen Identität. Sie wollten damals "ganz bescheiden" eine eigene demokratische Gesellschaft aufbauen, in der Sie ihre Ideale leben konnte, was in den damaligen Herrschaftsformen so nicht möglich war. So wählte man als Stander die Farben Schwarz, Rot, Gold - die Farben u.a. der 1848-Revolution. Deshalb war das gesellschaftliche Element in der Gründungsphase so wichtig. Dies erklärt die sehr hohe Anzahl an gemeinsamen Feierlichkeiten neben den zahlenmäßig vergleichsweise geringen Wettfahrten. Die Seglerwelt am Bodensee war damals auch noch überschaubar.

Als Segler war man per se Gentleman und somit Mitglied dieser auserwählten Gesellschaft. Nationale Zugehörigkeiten spielten keine Rolle - sie wurden eher als zu vernachlässigender Geburtsfehler betrachtet. - So ähnlich wie die Sprachfehler, die manche Segler - je nach Standort - eben besaßen.

Von Seglern im heutigen Wortsinn darf man bei den damaligen Clubmitgliedern nicht ausgehen. - Segeln war damals noch kein Sport im modernen Sinn. Über den Kaiserlichen Yachtclub in Kiel gab es vor dem 1. Weltkrieg einen bezeichnenden Witz. Auf der Terrasse des Kaiserlichen Yacht-Clubs saßen zwei Mitglieder. Der eine war Marine-Offizier, und der andere konnte auch nicht segeln."

Die Anzahl der passiven Mitglieder war damals enorm. Sie bildeten die Hälfte bis zu 3/4 der Clubs. Nur wenige segelten regelmäßig und davon wiederum nur sehr wenige auf Regatten. Höfische Nähe zu den Clubs mit oft adligem Titel oder zumindest adligen Attributen, Ruhm und Ehre waren sicherlich wichtige Aspekte der Mitgliedschaft. Bevor wir allzu abschätzig über diese Menschen denken: Ich habe mir sagen lassen, es gäbe auch heute noch Menschen, die sich gerne im Ruhm anderer sonnen.

Also war es aufgrund der eigenen Ideenwelt der damaligen Segler und ihrer geringen Anzahl nur logisch, die Sache für den ganzen Bodensee - also international - anzugehen. Da man sowieso ähnliche Sprachen sprach und Grenzen damals am Bodensee eher etwas für Geographen war, war dies nicht nur schnell besprochen, sondern auch problemlos umgesetzt.

Dass der Sitz in Friedrichshafen liegen sollte, war auch nur logisch. Dort gab es einen "Königlichen" Yachtclub, der neben dem höchsten Adelstitel am See auch noch die Finanzmittel besaß, das Büro des Verbandes nebenher zu betreiben.

Man war sich sowieso immer absolut einig, da nur einstimmige Beschlüsse getroffen werden konnten. Ein Demokratieverständnis der ganz extremen Art. De jure legte man jedoch das damals typische System der Segellängen als Stimmrecht fest. D.h. die reichen Vereine mit den längsten Yachten besaßen die meisten Stimmen.

In den 20er Jahren, als zunehmend Schweizer Vereine Mitglied wurden, und sich in Deutschland und Österreich die Demokratie durchgesetzt hatte, milderte man die Stimmrechte in der Hinsicht ab, dass man immer mehr kleinere Boote in die Berechnung aufnahm. Dies war auch eine Anpassung an die zunehmende Sportlichkeit, die von den langsamen schweren Yachten hin zu kleinen, schnellen Jollen ging. De facto wurden Abstimmungen im BSVb einstimmig getroffen, oder es fiel eben keine Entscheidung. Lieber nahm man sich nochmals Zeit, besprach man sich erneut und fand dann einen tragfähigen Kompromiss für alle, als etwas zu erzwingen. - Vermutlich eines der Geheimnisse für den langen Erfolg.

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Zwischenkriegszeit

Mit dieser Grundeinstellung der Aufrechterhaltung des Dialogs und der Erzielung von Kompromissen zum Wohle der Segler überstand man auch die Zwischenkriegszeit: Inflation, Wirtschaftsaufschwung, Weltwirtschaftskriese und Diktatur.

Man war bereit, die neuen sportlichen Strömungen der Ingenieure und technikverliebten Segler - symbolisiert durch Manfred Curry - mit ihren Jollen und Motorantrieben zu integrieren, die auch neue soziale Schichten und clubinterne Spannungen mit sich brachten. Um den Segelsport am See aufrecht zu erhalten, war man sogar bereit, die sich selbst als einzigen Nationalsozialistischen Segelverein bezeichnende Segelvereinigung Konstanz 1934 aufzunehmen. Auch den noch freien österreichischen und schweizer Clubs war es lieber, Kompromisse zu schließen, als dass der gesamte Segelsport am See gelitten hätte.

Aus heutiger Sicht mag dies der Eine oder Andere als Appeasement kritisieren. Aber nach den schrecklichen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, den man ohne jede Verhandlung einfach begonnen hatte, bestand eine weltweite Übereinkunft, dass man so etwas Schreckliches durch Verhandlungen vermeiden müsse.

Im Übrigen darf man die Möglichkeiten des BSVb auch nicht überschätzen. Der BSVb war damals "eine lockere, nur auf sportlicher Basis ruhende Verbindung aller am Bodensee beheimateten Seglervereine". Vor dem Ersten Weltkrieg hatte er nur die Aufgabe, Preise und Regattamaterial zu beschaffen, sowie die Regatten abzustimmen und an den DSV zu melden sowie in der Zeitschrift Yacht auszuschreiben.

Einem einzigen Verein wäre es vor dem Zeitalter des weit verbreiteten Internets - also vor dem Jahr 2000 - völlig unmöglich gewesen, erfolgreich international Werbung für seine Regattaveranstaltung zu machen. Hier half der Internationale Verband, der auch die Einzelveranstaltungen zur Bodensee-Segler-Woche zusammenfasste und in der Zeitschrift Yacht im deutschsprachigen Raum publizierte. Ferner arbeitete der BSVb von Anfang an in allen 3 Anrainerstaaten mit den Behörden, den Städten, den Tourismus-Verbänden sowie der entstehenden Tourismus-Industrie zusammen. - Die Vertreter des Verbandes traten zwar selbstbewusst auf, aber waren sich immer ihrer beschränkten finanziellen Mittel bewusst. Not macht erfinderisch und zwingt zur Kooperation. Diese konsequente Kooperation aus Überzeugung war eines der Erfolgsgeheimnisse des Verbandes. Der Verband versuchte immer, mit anderen zusammen etwas gemeinsam zu erreichen.

Nach dem Ersten Weltkrieg beschränkte der Verband sich sogar völlig nur noch auf die zeitliche Abstimmung der Regatten und deren Ausschreibung - im Prinzip der Bodenseewoche.

In Deutschland waren ab 1933 alle Segelclubs gleichgeschaltet, besaßen eine Führersatzung und einen Vereinsführer der oft Parteimitglied war. D.h. diese Parteimitglieder der NSDAP saßen als Vertreter im BSVb. Ferner verblieb der Sitz in Friedrichshafen und somit auch unter Kontrolle der Partei. Wie in allen Segelclubs, so brach im BSVb die Gesellschaftlichkeit ein. Die Meisten zogen sich auf ihre Yachten zurück und beschränkten sich - aus Selbstschutz - zunehmend auf das unpolitische Regattieren.

Nachkriegszeit

Wiederaufbau

Auch nach dem 2. Weltkrieg wollte man die alten Brücken wieder aufbauen. Und es zeigte sich erneut, dass man über die Grenzen vereint die größten Erfolge für den Wassersport erzielte. Durch ehemalige persönliche Freundschaften fiel dies den Seglern auch leichter, als manchen Politikern, die fernab des Sees eher in nationalen oder europäischen Dimensionen dachten und zu handeln versuchten, dabei aber in der praktischen Umsetzung lange hinter den Erfolgen des Bodensee-Segler-Verbandes hinterher hinkten.

Während die Schweizer die finanziellen Mittel zur Verfügung stellten und die Organisation optimierten sowie aufgrund der Neutralität ihren politischen Einfluss bei der französischen Besatzungsmacht ab 1945 mit klaren Forderungen geltend machten, war es ein Österreicher, der die Initialzündung auf seinem Motorad rund um den Bodensee trug.

Einem unbelasteten Österreicher mit 1948 geradezu utopischen Träumen gelang es in vielen Gesprächen und Verhandlungen - sicherlich auch durch seine charmante Art eines laissez faire - bei der französischen Bestatzungsmacht beharrlich Genehmigungen für den Segelsport zu erhalten und gleichzeitig die deutschen Segler zum Wiederaufbau zu ermutigen und dabei zu unterstützen.

Als 1949 in Bregenz die erste internationale Regatta nach dem Krieg stattfand, gründete Walter Kunze kurzerhand den BSVb neu und nahm die Verbandstätigkeit wieder auf. Erst 1952 wurde der Verband in Lochau satzungsgemäß neu gegründet. Allen Seglern gemeinsam gelang in den 50er Jahren eine erstaunliche Restauration der früheren Segler-Idylle am Bodensee.

Wasserwelle erfordert Flexibilität

Wasserwelle und Kunststoffe - Beides gehört untrennbar zusammen, denn mit den neuen GFK-Booten kamen neue Segler zum Wassersport.

Zwar wurde in der Geschichte des Segelsports nie so richtig definiert, was eine richtige Yacht war oder wie ein schönes Segelboot auszusehen hatte. Aber im BSVb war Anfang der 60er Jahre allen Mitgliedern klar: so nicht! Wenn Gott gewollt hätte, dass wir mit Joghurtbechern segeln, dann hätte er Plastik-Bäume wachsen lassen. Man fragte sich: Sind Lebewesen, die sich so etwas Potthässliches zulegten noch ehrenwerte Segler oder überhaupt noch Menschen.

Aber das Anliegen des BSVb war immer die Integration aller Segler. Wie sollte man sich gegenüber diesen neuen Vereinen, die sich wie Pilze am Bodensee vermehrten, verhalten? Wenn man sie zu schnell integrierte, würden sie den Verband und den gesamten Segelsport extrem verändern. Wenn man sie nicht aufnahm, würde sich ein Segelsport neben dem offiziellen etablieren. Was sollte man mit Steggemeinschaften machen, die sich plötzlich als Verein formierten, nur um gegenüber der Gemeinde bessere Liegeplatzkonditionen auszuhandeln.

Zunehmend kam es zu einer geplanten Ausdehnung des BSVb: Die kontinuierlich liberalisierte Aufnahmepraxis für Vereine erlaubte schließlich auch Segelvereinen aus Tübingen und Stuttgart sowie Vereinen die selbst nicht in einem nationalen Dachverband organisiert sind, die Mitgliedschaft.

Man integrierte über die Jahre fast alle Vereine und erstaunlicher Weise ging weder die Welt unter noch der Segelsport. Der Verband änderte sich durch die vielen neuen Mitglieder erheblich, aber die Verjüngung brachte auch neue Ideen und viele Bereicherungen in den BSVb. Insgesamt passten sich die vielen jungen Vereine eher an den etablierten Segelsport an, als umgekehrt. Letztendlich brachte es dem BSVb jedoch neue Verwaltungsstrukturen und die Umstellung der Stimmenverhältnisse auf Mitgliederzahlen. Der alte auf weitgehenden Konsens basierende demokratische Grundgedanke wurde bewahrt, weil er sich zu anderen Formen wandelte. Dass er noch immer attraktiv ist, belegt die Zahl von über 100 Mitgliedsvereinen.

Angesicht der vielfältigen Aufgaben des BSVb, der heute eine sehr große ehrenamtliche Organisation bildet, erstaunt der minimale Jahresbeitrag von unter 1 Euro je Segler mit dem er auskommt.

1992 wurde der BSVb als Verein eingetragen und auch sonst ging er immer mit der Zeit. Ein Internet-Auftritt und elektronische Newsletter ergänzen heute das seit über 50 Jahren als Druckerzeugnis verlegte Bodenseejahrbuch mit Regattakalender.

Der See ist nicht genug - GfS

Seit seiner Gründung förderte der BSVb - obwohl auf Regatten ausgerichtet - auch das Fahrtensegeln am dafür ideal geeigneten Bodensee. Ende der 20er Jahre wurde ein Fahrtenausschuss gegründet. Die Ausdifferenzierung des Verbands zeigt, dass sich bereits damals auch am Bodensee die Fahrtensegler zu organisieren begannen und nach Repräsentation verlangten. In den 60er Jahren gingen die ersten Bodenseesegler auf das Meer. In der Folge entstand die Gemeinschaft für Seefahrt, die in enger Verbindung zum BSVb steht. (Fahrtenabteilung des BSVb GFS 1970 - 1971 Fachabteilung Hochseesegeln des BSVb)

Dies belegt wie offen man im Verband für Neuerungen war, die auch geografisch weit über die Ursprungsplanung hinausgingen. M.E. scheint somit die Flexibilität des Verbandes eines seiner wichtigsten Fähigkeiten zum Überleben zu sein. - Meine Damen und Herrn: Dies ist leicht gesagt und mag vielen als Banalität erscheinen. Aber das Fehlen gerade dieser Flexibilität war in den letzten hundert Jahren in Europa eben leider die Regel und führte mit zu zahlreichen Problemen bis hin zu Katastrophen.

Yardstick

Die Erfolgs-Geschichte des Yardstick ist ein weiterer Beweis für den Wunsch des Verbandes andere Segler zu integrieren, Brücken zwischen allen zu schlagen und tragfähige Kompromisse zu schließen.

Schon seit dem 19. Jahrhundert war der Bootspark am See bunt. Seit den 1960er Jahren wurde er sogar unüberschaubar. Ich kam Mitte der 90er Jahre auf über 1.000 Bootstypen. Die Yardstick-Tabelle verzeichnet über 1.500 und Schätzungen gehen von über 2.000 Typen am Bodensee aus. Kein Revier der Welt besitzt eine derartige Mannigfaltigkeit. Deshalb hat man von Anfang an Vergleichsformeln benutzt, um unterschiedliche Segelboote gegeneinander regattieren zu lassen:

Alles Mögliche wurde am Bodensee versucht. Und jeder Versuch wurde vom BSVb unterstützt, um möglichst vielen Seglern zu ermöglichen, fair gegeneinander zu regattieren. Manche Vorhaben goss man sogar in klare Strukturen wie die Kreuzervereinigung am Bodensee 1970 - KRVaB - der heutigen RVB Regatta Vereinigung Bodensee.

Jedes System hatte seine Zeit und seine Berechtigung, aber das meiste war zu kompliziert für die Mehrheit der Segler.

Ab 1969 wurde ein weiterer Brückenschlag zwischen den sich auseinander entwickelnden Regattaseglern und Tourenseglern versucht. Bis 1973 entwickelte man Yardstick als einfaches Handicap-System, das auf empirischen Bodensee-Werten beruht.

Ursprünglich war es für interne Vereinsregatten gedacht, wurde jedoch bald schon selbst bei Großveranstaltungen verwendet. 1969 am Untersee begonnen und bis heute weiterentwickelt, blieb es ein einfaches, unbürokratisches und preiswertes Leistungsverrechnungssystem für den Breitensport, das hier so erfolgreich ist, dass es sogar von den nationalen Dachverbänden wieder aufgegriffen wurde.

Der BSVb versuchte somit immer, allen Gruppen im Segelsport gerecht zu werden und deren Interessen fair zu vertreten.

Umweltschutz

Belegen möchte ich abschließend die Flexibilität - die Eigenschaft des Verbandes sich an völlig neue Rahmenbedingungen anzupassen - am Beispiel des Umweltschutzes.

Seit den 70er Jahren kamen erste Angriffe auf den Wassersport auf, die Anfang der 80er Jahre existenzbedrohende Züge annahmen. Die Wogen schlugen auf beiden Seiten, Umweltschützern und Wassersportlern, sehr hoch. Es drohte ein unlösbarer Konflikt zu entstehen, den auf Dauer die Segler - angesichts der breiten Volksmeinung - nur verlieren konnten.

Auf der einen Seite standen unvernünftige Wassersportler (auch Segler) mit hochmotorisierten Yachten, auf der anderen Seite teilweise selbsternannte Umweltschützer mit wissenschaftlich zumindest nicht bewiesenen Behauptungen. Der BSVb fand sich zuerst ziemlich hilflos dazwischen und drohte in der damaligen öffentlichen Diskussion zerrieben zu werden.

Wieder waren es die Brückenbauer, welche in langwierigen und keineswegs einfachen Verhandlungen - den sogenannten Meersburger Gesprächen oder Geheimtreffen mit den Umweltschützern sprachen, und gemeinsam zuerst einmal ein Verständnis für die Gegenseite und die Sachprobleme aufbauten. Es war bezeichnend, dass man diese Treffen auf beiden Seiten damals geheim hielt. Den eigenen Hardlinern hätte man so etwas in der aufgeheizten Atmosphäre nicht vermitteln können.

Ziel des Verbandes war es erneut, Spannung abzubauen und den Dialog zu fördern.

Man erarbeitete schließlich einen Kompromiss, der letztendlich allen half: Der Wassersport wurde etwas beschränkt, um die zugegebenermaßen vorhandene Umweltbelastung der steigenden Motorisierung zu reduzieren. Die Umweltverbände akzeptierten im Gegenzug den Wassersport als Bestandteil des Sees.

Der BSVb erkannte schnell auch die Notwendigkeit eines zielgerichteten Umweltschutzes innerhalb des Wassersports, den er selbst anstoßen und von innen heraus aktiv betreiben musste.

Der BSVb stellte sich deshalb selbst an die Spitze mehrere Umweltschutzbewegungen und unterstützte maßgeblich u.a. mit dem begehrten Blauen Anker das Umweltbewusstsein vieler Wassersportler am See.

Ferner unternahm man eigene Untersuchungen oder gab diese in Auftrag, um belastbare Fakten zu erhalten. Man verhandelte mit der Motorenindustrie bei Schmiermitteln und mit Chemiefirmen beim Antifouling.

Überdies kam es zu internen Strukturreformen: Aufgrund der zunehmend komplexeren Technik rund um den Wassersport kamen seit den 80er Jahren beratende Ausschüsse und Fachabteilungen hinzu, in denen Spezialisten Fachwissen einbringen. 1996 ein Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Ergänzt wurde dies durch eine breite Vernetzung mit anderen Wassersport-Verbänden, deren Vorsitzende gegenseitig an Sitzungen teilnehmen. Der Umweltschutz erleichterte auch die Annäherung an andere Verbände bzw. machte sie geradezu nötig. Sogar mit dem IBMV, den lange Zeit von zahlreichen Seglern als Feinden angesehenen Motorbootfahrern, baute man gute Beziehungen auf, von denen alle profitieren.

Aus diesen nachträglichen, eher reaktiven Maßnahmen entwickelte der Verband konsequent die Vorsorge. 1984 wurde beschlossen, die Internationale Wassersportgemeinschaft IWGB unter Beteiligung der wichtigsten Wassersportorganisationen und Branchenverbände des nautischen Gewerbes aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu gründen. Der BSVb erhielt so auf dem Feld des Umweltschutzes eine breitere Basis und dadurch mehr Kraft.

Danach wurde Prävention als weiteres Mittel für viele Entwicklungen eingesetzt, um bereits im Vorfeld sachlich und mäßigend Einfluss auf Entwicklungen zu nehmen, bevor sie zum Problem eskalieren. So gestaltete der BSVb wie im Beispiel des Katamarans bereits durch im Vorfeld vorgetragene Argumente tragfähige Lösungen aktiv mit.

Beschränkungen wie der Abbau der Bojenfelder konnten dank unermüdlicher Lobbypolitik langfristig zu einem Vorteil verwandelt werden, indem man sichere, komfortable und saubere Yacht-Häfen - auch mit finanzieller Unterstützung der Gemeinden erhielt. Die Vertreter des BSVb wirkten hierbei eher im Hintergrund. Ihre Wirkung sollte jedoch nicht unterschätzt werden. Nur weil es diesen Verband gab, gelang es vielen kleinen Clubs - auch wenn sie noch gar nicht dessen Mitglied waren - bei Behörden Gehör zu erhalten. Das Image aller Segler wurde durch diesen seriösen Dachverband positiv beeinflusst.

Damit hat der Verband sein Ziel aus dem Gründungsjahr bis heute erfüllt: Er wollte immer etwas für die Segler am Bodensee bewirken.

Schluss

Meine Damen und Herren - schließen möchte ich meine ketzerische Zeitreise durch 100 Jahre bewegter Geschichte des Verbandes mit einer Abwandlung eines Zitates von Winston Churchill:

Der BSVb war und ist keineswegs eine perfekte internationale Seglerorganisation - aber ich kenne keine bessere.

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